Dialog zwischen den Zeiten

Die Tuchhallen (Sukiennice), die das Zentrum des Hauptmarkts (Rynek Główny) von Krakau einnehmen, zählen zu den wichtigsten Renaissance-Bauwerken Polens. Nach einem Brand des Vorgängergebäudes wurden sie ab 1555 unter der Leitung des Baumeisters Pankracy neu errichtet.


1875 – 1878 kam es zu einer grundlegenden Neugestaltung, auf der das charakteristische Erscheinungsbild der Tuchhallen bis heute basiert. Durch dieses kostspielige Prestigeprojekt wurde der Bau zum Sitz eines Palais du Commerce und eines neugegründeten Nationalmuseums. Im Zuge der architektonischen Umgestaltung nach Entwürfen von Tomasz Pryliński wurden der Längsseite des Bauwerks neogotische Arkaden vorgeblendet. Nach dem Vorbild historischer Bauten, wie dem Dogenpalast in Venedig, erhielten die Säulen plastisch reich dekorierte Kapitelle. Die Entwürfe zur Gestaltung des Bauschmucks lieferte kein geringerer als Jan Matejko, der bedeutendste polnische Historienmaler dieser Tage.1

Das vorliegende Foto aus der Sammlung Amadei dokumentiert eines der nach Matejkos Ideen geschaffenen Doppelkapitelle der Tuchhallen. Zu sehen sind in der Kapitellzone mehrere Köpfe von Frauen, deren spezifische Kostümierung in Kombination mit Kartuschen mit Jahresangaben auf unterschiedliche historische Epochen verweisen.


Aufgenommen wurde die Fotografie von Ignacy Krieger (1817/1820 – 1889), dessen zahlreiche Veduten- und Architekturaufnahmen zu den wichtigsten visuellen Quellen für das Stadtbild Krakaus des späten 19. Jahrhunderts zählen.2

Der besondere Reiz gerade dieser Aufnahme liegt darin, dass sie nicht nur die Frauenbüsten des Kapitells festhält, die uns in die Zeit des Mittelalters, der Renaissance und des Barocks versetzen, sondern am unteren Bildrand auch das Antlitz von Kriegers eigener Gegenwart. Junge Männer und Knaben drängen sich hier um 1880 in das Bild und blicken unverwandt in die Kamera. Fast könnte man meinen, die Frauen in historisierender Tracht schauen lächelnd auf diese Männer herab, sodass ein Dialog zwischen den Jahrhunderten entsteht.


Die lange Belichtungszeit lässt die Skulpturen, die die Vergangenheit repräsentieren, gestochen scharf erscheinen, während die Gegenwart in Gestalt der Männer flüchtig und vage wirkt. Veranschaulichte Matejko Geschichte über Köpfe und Kleidung, wurden im Laufe der Zeit auch die einst zeitgenössischen Gesichter zum Abbild einer vergangenen Epoche. Ob von Krieger intendiert oder nicht, lädt diese Aufnahme heute zu einer Reflexion über Zeit und Zeitlichkeit im Medium der Fotografie ein.

1 Vgl. Broż 2004.

2 Vgl. Podlecki 1999.

BeschreibungIgnacy Krieger, Säulenkapitell nach Entwurf Jan Matejkos in den Krakauer Tuchhallen, um 1880, Fotografie auf Karton montiert, Institut für Kunstgeschichte, Fotothek.

Literatur
 

Broż 2004

Adam Broż, Rzeźba dekoracyjna Sukiennic krakowskich z okresu restauracji i przebudowy przez Tomasza Prylińskiego w latach 1875-1879, in: Rozprawy Muzeum Narodowego w Krakowie, 2, 2004, S. 41-93.

Podlecki 1999

Janusz Podlecki, Krakow dawniej i dziś, Krakau 1999.