„Wien vormals Sammlung Amadei“

Diese Fotografie dokumentiert ein Kunstwerk, das sich einstmals im Besitz von Gräfin Anna Amadei (1828 - 1927) befunden hat. Sie war nicht nur die Eigentümerin der umfangreichen Fotosammlung, die heute am Institut für Kunstgeschichte verwahrt wird, sondern besaß auch eine beachtenswerte Kollektion von Gemälden.1 1908 stellte Ludwig Abels diese Sammlung in der Kunstzeitschrift Erdgeist vor, wobei er die Kennerschaft Anna von Amadeis hervorhob: „Kaum irgendwo anders wird sich der Fall wiederholen, daß eine Dame als Kennerin und Sammlerin auftritt, sich auf jahrelangen Reisen und durch den Besuch aller größeren Galerien mit fast sämtlichen Werken der großen Kunstepochen vertraut macht, zum weiteren Studium sich eine nach Tausenden zählende Kollektion von photographischen Reproduktionen anlegt, die, nach Städten und Galerien geordnet, durchwegs Bezeichnungen und wissenschaftliche Vermerke von der Hand der Besitzerin tragen.“2

Unter den Gemälden der Sammlung Amadei bewunderte Abels besonders ein vortreffliches „Werk eines sienesischen Meisters, das Gräfin Amadei 1886 aus der in Wien verkauften Sammlung Tagiasco erwarb.“3 Es handelte sich um ein Werk der Goldgrundmalerei und zeigte eine innige Darstellung der Madonna mit dem Jesuskind: „Maria, eine Nelke in der Hand, blickt wehmütig auf ihr Kindlein, das unschuldig mit einer Schwalbe spielt.“4 Eben dieses Gemälde findet sich in der vorliegenden Fotografie reproduziert. Erworben hatte es Anna von Amadei, wie von Abel vermerkt, aus der Sammlung von Monsignore Cesare Taggiasco, die 1886 in Wien versteigert worden war.5

Bemerkenswerterweise trägt der Karton, auf dem der Abzug montiert ist, die Beschriftung „Wien vormals Sammlung Amadei“, wobei „vormals“ wie nachträglich hinzugefügt erscheint. Da diese Beschriftungen der Fotografien von Anna von Amadei selbst verfasst wurden, wie auch das Zitat von Abels belegt, müssen wir davon ausgehen, dass das Gemälde noch zu Lebzeiten der Gräfin veräußert wurde.

1930 tauchte das Bild – nun Giovanni Pratese zugeschrieben – in der Auktion der Sammlung Han Coray in Berlin auf, wobei die Provenienz mit „ehemals Akademie-Museum, Wien“ angegeben wurde.6 Daraus zu schließen, Anna von Amadei hätte das Werk zuvor der Galerie der Akademie der bildenden Künste geschenkt, ist allerdings problematisch. Im Fall einer selbstlosen Stiftung hätte die Gräfin wohl voller Stolz auf diese in ihrer Beschriftung auf dem Karton hingewiesen. Stattdessen findet sich hier links oben mit Bleistift die verbittert klingende Notiz: „In fremden Besitz übergegangen“. Möglicherweise hatte Anna von Amadei dieses Gemälde, wie wahrscheinlich auch die übrige Sammlung, aufgrund finanzieller Bedrängnis verkaufen müssen. Über den Verbleib dieser Kollektion ist jedenfalls nichts bekannt, was die vorliegende Fotografie als rares Dokument der Sammlung Amadei umso wertvoller macht.

1 Zur Sammlung Amadei siehe Engel 2027. Erwähnt wird diese auch in Theodor von Frimmel, Lexikon der Wiener Gemäldesammlungen, 1, München 1913, S. 52.

2 Abels 1908, S. 253.

3 Ebenda.

4 Ebenda.

5 Siehe: Auctions-Katalog der Kunst-, Antiquitäten- und Gemälde-Sammlung, I. Serie, aus dem Besitze des Monsignore Ces. Can. Taggiasco in Rom […], Wien 1886.

6 Siehe: Sammlung Han Coray: Gemälde der italienischen, deutschen, niederländischen und spanischen Schulen […], Auktionskatalog Antiquitätenhaus Wertheim, 1.10.1930, Berlin 1930, Los 23.

Beschreibung Unbek. Fotograf*in, Maria mit Kind eines Sienesischen Meisters, um 1900, Fotografie auf Karton montiert, Fotothek, Institut für Kunstgeschichte, Universität Wien.

Literatur
 

Abels 1908

Ludwig W. Abels, Die Sammlung Amadei, in: Erdgeist, III, 1908, 8, S. 253-255.

Engel 2027

Martin Engel, Anna Amadei, in: Anna Reisenbichler/Sebastian Schütze/Silvia Tammaro (Hg.), Kunstsammler*innen in Wien, Berlin 2027 (im Erscheinen).