Eine Spurensuche
Reflexionen über das Fotoarchiv
Ein weiteres Objekt, dass aufgrund seines Motivs aus der Sammlung Amadei heraussticht, ist diese Fotografie von Pompeji, der Ruinenstadt am Fuße des Vesuvs. Über dem noch immer aktiven Vulkan hängt hier eine Rauchwolke, wie eine bedrohliche Erinnerung an den Ausbruch von 79 n. Chr., der die Stadt unter einer dicken Schicht aus Asche begrub.1 Asche, die nicht nur zerstörte, sondern zugleich bewahrte.
Gerade diese Ambivalenz macht die Asche für Jacques Derrida zu einem zentralen Leitmotiv seiner archivtheoretischen Überlegungen in Mal d'Archive (1995). Sie erscheint dort nicht bloß als Überrest einer Katastrophe, sondern als jenes Medium, in dem Spuren überhaupt erst Bestand haben können. Dieselbe Asche, die Pompeji vernichtete, bewahrte Straßen, Häuser, Körper und – für Derrida besonders bedeutsam – Fußabdrücke. An ihr zeigt sich die paradoxe Logik des Archivs: Bewahrung ist nur um den Preis des Verlusts möglich, denn das Archiv bewahrt nicht das Ereignis selbst, sondern dessen Spur.
Derrida entwickelt seine Überlegung anhand von Wilhelm Jensens Gradiva, die der Archäologe Norbert Hanold hofft, in Pompeji zu finden. Doch anstatt des konservierten Momentes ihrer Anwesenheit findet Hanold lediglich die Abdrücke, die auf Gradivas Abwesenheit verweisen.2 „Die Möglichkeit der archivierenden Spur, diese einfache Möglichkeit, kann die Einmaligkeit nur spalten. Indem sie den Eindruck vom Abdruck trennt. Denn diese Einmaligkeit ist nicht einmal eine vergangene Gegenwart.“3 Zwischen dem ursprünglichen Geschehen – dem Eindruck (impression) – und seiner materiellen Hinterlassenschaft – dem Abdruck (pression)– öffnet sich ein Abstand, der nicht mehr überwunden werden kann, denn gerade dadurch, dass der Abdruck den Eindruck bewahrt, macht er dessen Verlust sichtbar.4
Auch die Fotografie der Sammlung Amadei ist in diesem Sinne ein Abdruck des Aufnahmemoments, also eine Spur, die auf ein vergangenes Ereignis verweist, ohne es jemals vollständig gegenwärtig machen zu können. Auch in Roland Barthes Verständnis der Fotografie liegt genau in dieser Spannung ihr besonderes Wesen: Die Aufnahme – sowie auch die Asche – bewahrt die Gewissheit eines vergangenen Moments, verweist aber zugleich auf dessen unwiederbringliche Abwesenheit. In Die helle Kammer (1980) schreibt Barthes: „Was die Photographie endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existentiell nie mehr wird wiederholen können.“5
Die Recherche nach näheren Informationen zum verlorenen Aufnahmemoment dieser Fotografie führt zu historischen Fotokatalogen, wo sich die Aufnahme im 1912 erschienenen Catalogo delle fotografie des Verlags Giacomo Brogi nachweisen lässt.6 Die Suche nach dem Ursprung der Fotografie führt schlussendlich jedoch nicht zu einem wiedergewonnenen Augenblick, sondern zu einer reinen Folge an Spuren: vom Fußabdruck in der Asche Pompejis über den fotografischen Abdruck bis hin zum historischen Druckmedium, dem Fotokatalog. Wie Pompeji selbst bleibt damit auch die Fotografie der Ruinenstadt ein Ort zwischen Anwesenheit und Abwesenheit und ein Zeugnis dessen, was vergangen ist, und gerade deshalb nicht vollständig zurückkehren kann.
1Berry 2008, S. 20.
2Ebeling / Günzel 2009, S. 56 – 60.
3Ebeling / Günzel 2009, S. 59.
4Ebling / Günzel 2009, S. 57.
5Barthes 1985, S. 12.
6Brogi 1912, S. 43.
Giacomo Brogi, Pompeji, Blick von der Stadtmauer aus, Pompeji, vor 1912, Institut für Kunstgeschichte, Fotothek.
Literatur
Barthes 1985
Roland Barthes, Die helle Kammer: Bemerkungen zur Photographie, Berlin 1985 (zuerst französisch: La chambre claire: Note sur la photographie, Paris 1980).
Berry 2008
Johanne Berry, Pompeji, dt. von Ulrike Bischoff, Frankfurt am Main 2008 (zuerst englisch: The Complete Pompeji, London 2007).
Brogi 1912
Giacomo Brogi, Catalogo delle Fotografie, Florenz 1912 (8.7.2026) URL: https://iiif.khi.fi.it/photo/assets/Brogi_1912_1_h.pdf .
Ebeling / Günzel 2009
Knut Ebeling / Stephan Günzel. Ebeling Archivologie: Theorien des Archivs in Wissenschaft, Medien und Künsten, Berlin 2009.