T. wie Thomas oder Tomasso?
Beschriftungen in der Sammlung Amadei
Ein Spezifikum der Fotografien aus der Sammlung Amadei stellen die markanten Beschriftungen dar, mit denen sie versehen wurden und die oft interessante Rückschlüsse auf die Zuschreibungs- und Provenienzgeschichte von Kunstwerken liefern. Im Fall dieses Triptychons von Tommaso da Modena trifft das in besonderer Weise zu.
Die Schwarz-Weiß-Fotografie, die mittig auf einem Karton montiert ist, zeigt ein Gemälde, das sich aus drei Tafeln zusammensetzt: In der Mitte ist die Madonna mit Kind zu sehen, die flankierenden Tafeln zeigen den heiligen Wenzel und den heiligen Palmatius. Der fotografische Abzug ist eng beschnitten, sodass Informationen zum Aufnahmekontext aber auch zu den Urheber*innen der Fotografie fehlen. Die darunter angebrachte Beschriftung in schwarzer Tinte liefert allerdings wichtige Hinweise:
„Vormals: Wien. Kais. Gemälde Gallerie
Jetzt: Burg Karlstein (Böhmen) Hl. Kreuzkapelle
T. Mutina. Maria mit Kind und zwei Heiligen“
Tatsächlich befand sich das besagte Gemälde über hundert Jahre lang in Wien. 1780 war es mit weiteren Werken aus der Burg Karlstein (Karlštejn) in die Residenzstadt verbracht worden, um hier in der damals neueingerichteten kaiserlichen Galerie im Oberen Belvedere als große Sensation inszeniert zu werden.1 Der Leiter der Neuaufstellung der Galerie, Christian von Mechel, erkannte in dem Triptychon, das er in das Jahr 1297 datierte, nämlich das früheste bekannte Beispiel für Ölmalerei. Da der Autor des Gemäldes, ein gewisser Thomas von Mutina, Mechel zufolge ein deutscher Maler gewesen sei, wäre die Erfindung der Ölmalerei der deutschen Nation zuzuschreiben. Vollen patriotischen Eifers wurde Mutinas Triptychon, das zuvor eigens technologisch untersucht worden war, als Initialwerk der deutschen Schule im Oberen Belvedere ausgestellt.
Bald schon erwiesen sich Mechels Theorien als unhaltbar. Nicht nur wurde entdeckt, dass sich hinter dem vermeintlich deutschen Künstler ein Italiener verbarg, nämlich Tommaso da Modena (1326–1379), sondern auch, dass dadurch eine Datierung ins 13. Jahrhundert unmöglich war. Vor allem aber erwies sich, dass es sich bei dem Werk keineswegs um ein Beispiel der Ölmalerei handelte, sondern dieses in Tempera-Technik gefertigt worden war. Wie lange sich zumindest Teile von Mechels abstrusen Theorien dennoch halten konnten, spiegelt sich nicht zuletzt in der Beschriftung auf der Fotografie aus der Sammlung Amadei wider, in der das Gemälde beharrlich „T. Mutina“ zugeschrieben wird, – ein Fehlurteil, das erst eine jüngere Bleistiftnotiz darunter korrigiert.
1901 wurde das Gemälde aus der kaiserlichen Sammlung in Wien in die böhmische Burg Karlstein (Karlštejn) zurückgestellt.2 Da Graf Albert Amadei, der bislang als alleiniger Schöpfer der Fotosammlung galt, bereits 1894 verstorben war, muss die Beschriftung auf dem Karton von anderer Hand stammen. Vermutlich geht sie auf dessen Mutter Anna von Amadei (1828–1927) zurück, die die Sammlung scheinbar nicht nur verwaltet, sondern wahrscheinlich zudem erweitert hat. Ob sie auch den Abzug mit Tommaso da Modenas Triptychon erworben hat, ist allerdings ungewiss. Wie einige Details belegen,3 geht dieser Abzug auf eine Aufnahme von Josef Löwy zurück, die zwischen 1888–1891 datiert wird,4 sodass auch noch Albert von Amadei als Käufer in Frage kommt.
1 Zu dieser Episode der Galeriegeschichte siehe im Detail Mayer 2021.
2 Vgl. Helfert 1902, S. 8. Zur Geschichte der malerischen Ausstattung der Heiligkreuzkapelle siehe Fajt/Royt 1998.
3 Das Gemälde ist nicht mehr im alten „Galerierahmen“ zu sehen, wie noch in einer Fotografie von Karl Bellmann (siehe Neuwirth 1896, Tafel 1), sondern in einer neuen Rahmung. Eben diese findet sich auf einer Fotografie von Josef Löwy wiedergegeben. Feine Risse oder Verschmutzungen des entsprechenden Glasnegativs (Kunsthistorisches Museum Wien, Bibliothek, Inv. Nr. WOLFRUM_1052) haben auch Spuren auf dem Abzug der Sammlung Amadei hinterlassen.
4 Vgl. KHM-Objektdatenbank: https://www.khm.at/kunstwerke/maria-mit-dem-kind-1512323
Tommaso da Modena, Triptychon mit Maria mit Kind, Hl. Wenzel und Hl. Palmatius, 1355 - 1359, Holz, Tschechien - Burg Karlstein.
Literatur
Fajt/Royt 1998
Jiří Fajt/Jan Royt, The pictorial decoration of the Great Tower at Karlštejn Castle, in: Magister Theodoricus. Court Painter to Emperor Charles IV. The pictorial decoration of the shrines at Karlštejn Castle, Prag 1998, S. 107–205.
Helfert 1902
Joseph Alexander Helfert, Die Wiederherstellung der Burg Karlstein in Böhmen, in: Mitteilungen der k. k. Central-Commission für Erforschung und Erhaltung Kunst- und historischen Denkmale, 28, 1902, S. 1–17.
Mayer 2021
Gernot Mayer, Ursprungssuche und Identitätsfindung. Die Bilder der Burg Karlštejn und die Erfindung(en) der Kunstgeschichte im 18. Jahrhundert, in: Nora Fischer/Anna Mader-Kratky (Hg.), Schöne Wissenschaften. Sammeln, Ordnen und Präsentieren unter Kaiser Joseph II., Wien 2021, S. 97–126.
Neuwirth 1896
Josef Neuwirth, Mittelalterliche Wandgemälde und Tafelbilder der Burg Karlstein in Böhmen, Prag 1896.