Café Bauer

Ein ungewöhnliches Motiv?

Diese auf Karton montierte Fotografie sticht in mehreren Aspekten aus der Sammlung Amadei hervor. Finden sich in dieser sonst hauptsächlich Aufnahmen von bedeutenden historischen Gemälden, Skulpturen und Bauwerken, scheint eine Fotografie eines (aus damaliger Sicht) zeitgenössischen Baus aus der Sammlungslogik herauszufallen.1

Das abgebildete Gebäude, das Wiener Café und Hotel Bauer, wurde 1876 durch die Architekten Hermann Ende und Wilhelm Böckmann an der Straße Unter den Linden (damals Nummer 26) in Berlin errichtet. Eine nähere zeitliche Einordnung der Fotografie lässt sich über die dargestellte Umgebung vornehmen: Links neben dem Café sichtbar ist der Vorgängerbau der späteren Kaiserhallen (Unter den Linden 27), die erst 1884 fertiggestellt wurden.2 Die Aufnahme muss folglich vor diesem Zeitpunkt entstanden sein, während zugleich der Bau des Cafés selbst als terminus post quem fungiert. Aus diesem Versuch einer Eingrenzung ergibt sich eine Datierung der Fotografie in den Zeitraum zwischen 1876 und 1884. Damit fällt die Aufnahme in die Frühphase der Etablierung des Café Bauers, die im Kontext der zunehmenden Verbreitung des Wiener Kaffeehaustyps in Berlin zu verorten ist.

Dabei war das Bauer keinesfalls das erste „Wiener Kaffeehaus“ in Berlin, einer jungen Stadt, in der Wien als zu imitierendes Vorbild wahrgenommen wurde.3 Renate Petras beschreibt das Café als „ein Gebäude von malerischer Wirkung und einer zum Neubarock tendierenden Stilfassung“,4 was sich insbesondere am historisierenden und reich ausgestalteten Dekor der Außenfassade zeigte. Auch die Innenräume standen dem äußeren Erscheinungsbild keineswegs nach: ein durchgehender Saal von kolossaler Länge, ein Billardraum, ein riesiges Buffet und ein Damenzimmer, das auch alleinstehenden Frauen den Besuch des Lokals ermöglichen sollte, sind hierbei nur herausgegriffene Beispiele, um die Größe des Etablissements zu verdeutlichen. Selbstverständlich mangelte es diesen Räumen ebenfalls nicht an Dekor – besonders nennenswert scheinen dabei die vielen Kunstwerke, darunter Wandbilder von Anton von Werner und Albert Hertel, zu sein.5 Sie galten als fester Bestandteil des modernen Raumkonzepts, welches auch einer Teilöffentlichkeit die Gelegenheit bot, Gemälde berühmter Künstler zu betrachten.6 Aus kunsthistorischer Perspektive ist es darum umso bedauerlicher, dass heute all jene Werke entweder als verschollen oder zerstört gelten.7

Des Weiteren eröffnet die räumliche Aufteilung des Cafés – besonders im Hinblick auf das separate Damenzimmer – Einblicke in die sozialen Strukturen und Machtverhältnisse, die innerhalb dieser Form bürgerlicher Öffentlichkeit herrschten. Nancy Fraser hat mit ihrer Kritik an Habermas Öffentlichkeitsbegriff verdeutlicht, dass die klassische bürgerliche Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts keineswegs allen gleichermaßen offenstand und damit grundlegend unzureichend war: „(…) I have been arguing that the bourgeois conception of the public sphere is inadequate insofar as it supposes that social equality is not a necessary condition for participatory parity in the public sphere."8

Obwohl das Café Bauer durch sein Damenzimmer formal den Zugang für Frauen ermöglichte, verweist gerade diese räumliche Trennung auf geschlechtsspezifische Differenzierungen innerhalb der Öffentlichkeit. Das Kaffeehaus fungierte somit trotzdem weiter als eine überwiegend männlich dominierte Sphäre des Austauschs, in der sich bürgerliche Identitäten und soziale Hierarchien reproduzierten, während weibliche Präsenz strukturell marginalisiert blieb.9 In diesem Sinne kann das Café Bauer nicht nur als Ort von Geselligkeit zwischen Kunst und Spiel, sondern auch als Raum der Aushandlung von Geschlechterverhältnissen innerhalb der modernen städtischen Öffentlichkeit verstanden werden.10

Setzt man diese Betrachtungen nun in Relation zu anderen zeitgenössischen Bauten und Lokalen, erweist sich das Café Bauer, sowohl auf gesellschaftlicher wie auch auf ästhetischer Ebene, als voll und ganz dem damaligen Zeitgeist entsprechend. In den zahlreichen Nachrufen des Architekten Wilhelm Böckmann wird das Gebäude nicht weiter erwähnt,11 was noch deutlicher dafürspricht, dass man diesem Bauwerk wenig Bedeutung beimaß. Wenn es sich also um kein exzeptionelles Bauwerk und kein außergewöhnliches Lokal handelte, stellt sich die Frage, weshalb gerade das Café Bauer in Gestalt einer Fotografie in die Sammlung Amadei aufgenommen wurde. Über die genauen Beweggründe des Grafen Amadei, eine solche Fotografie zu erwerben, kann wohl weiterhin nur spekuliert werden.

Heute muss man sich bei Recherchen zum Café Bauer und der Lindenstraße gänzlich auf Fotos wie das hier behandelte verlassen, da das Gebäude durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört und zu DDR-Zeiten durch das Lindencorso ersetzt wurde.12

1 Mehr Informationen über die Sammlung Amadei finden Sie unter Über Die Sammlung.

2 Albrecht 2022, S. 260.

3 Albrecht 2022, S. 65.

4 Petras 1994, S.37-38.

5 Petras 1994, S.50.

6 Albrecht 2022, S. 139.

7 Petras 1994, S.50.

8 Fraser 1990, S. 62–63.

9 Bei genauer Betrachtung der Fotografie fällt auf, dass keinerlei Frauen vor oder im Café sichtbar sind.

10 Fraser 1990, S. 63–67.

11 Albrecht 2022, S. 145.

12 Petras 1994, S.107.

Beschreibung Hermann Ende / Wilhelm Böckmann, Café Bauer unter den Linden , 1876, Berlin.

Literatur
 

Albrecht 2022

Peter Albrecht, Café Bauer – in Berlin und anderswo, hg. von Astrid Blome/ Holger Böning/ Michael Nagel, Bremen 2022.

Fraser 1990

Nancy Fraser, Rethinking the Public Sphere. A Contribution to the Critique of Actually Existing Democracy, in: Social Text, 25/26, 1990, S. 56-80.

Petras 1994

Renate Petras, Das Café Bauer in Berlin, Berlin 1994.