Von der Aufnahme bis zur Nutzung

Dieser Abzug aus der Sammlung Amadei ist an allen vier Seiten beschnitten, sodass jeglicher Hinweis auf die Urheber*innen der Fotografie fehlt. Vermutlich basiert er auf einer Aufnahme der fotografischen Anstalt "Ad. Braun et Co". 1885 führte dieses Unternehmen eine Fotokampagne in der königlichen Gemäldesammlung des Mauritshuis in Den Haag durch. Dabei wurde auch Rogier van der Weydens „Beweinung Christi“ aufgenommen und die entsprechende Reproduktionsfotografie wurde ab 1887 in den Verkaufskatalogen von Braun beworben.1 Zu dieser Zeit buhlten mehrere Unternehmen darum, die Werke großer Kunstsammlungen exklusiv zu fotografieren. Die von Adolphe Braun gegründete Anstalt aus dem elsässischen Dornach zählte zu den erfolgreichsten unter ihnen; sie fotografierte etwa Kunstwerke aus dem Pariser Louvre, dem British Museum in London, dem Frankfurter Städel oder der Eremitage in St. Petersburg.2

Um besonders qualitätsvolle Reproduktionen verwirklichen zu können, war es damals nötig, die Gemälde bei Tageslicht unter freiem Himmel zu fotografieren. Eine Fotografie aus den Sammlungen des Instituts für Kunstgeschichte zeigt möglicherweise das temporäre Freilichtatelier, das vor dem Mauritshuis von der Firma Braun errichtet wurde.3

Wann Albert oder Anna von Amadei den Albumin-Abzug mit der „Beweinung Christi“ erworben haben, wissen wir nicht. Gemeinsam mit der übrigen Fotosammlung gelangte er jedenfalls 1927 an das „I. Kunsthistorische Institut“ der Universität Wien. In weiterer Folge diente diese Sammlung Lehr- und Forschungszwecken, wobei diese Nutzung mitunter auch deutliche Spuren auf den Fotografien hinterließ. So finden sich auf dem Karton mit der „Beweinung Christi“ zahlreiche Markierungen und Beschriftungen, die darauf hinweisen, dass diese Fotografie als Druckvorlage verwendet wurde. Tatsächlich illustrierte das Foto aus der Sammlung Amadei einen 1969 von Artur Rosenauer veröffentlichten Aufsatz.4 Auf dem Karton findet sich die schriftliche Anmerkung, dass ein „weißer Fleck im Bein“ retuschiert werden solle, Markierungen für den gewählten Bildausschnitt sowie ferner genaue Maßangaben, die auf die Größe hinweisen, in der die Abbildung abgedruckt werden sollte. Neben dem „Fleck im Bein“ kam es zu weiteren Retuschen auf dem Abzug, wobei etwa die weißen Wolken am Himmel fälschlicherweise als Fehlstellen interpretiert und dunkel übermalt wurden.

1 Maison Adolphe Braun et Cie 1887, S. 60, Nr. 226.

2 Vgl. dazu Mellenthin/Peters 2017; Peters 2012.

3 Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 200556.

4 Rosenauer 1969, Abb. 215.

 

BeschreibungRogier van der Weyden (und Werkstatt),  Beweinung Christi mit dem Stifter Pierre de Ranchicourt ,  c. 1460-1464, Mauritshuis, Den Haag, Inv. Nr. 264.

 

 

 

Beschreibung Den Haag, Fotoatelier (?) bei Mauritshuis,  um 1880, Mauritshuis, Den Haag.

 

 

 

Literatur
 

Maison Adolphe Braun et Cie 1887; S. 60, Nr. 226.

Maison Adolphe Braun et Cie, Catalogue Général des photographies, Paris/Dornach 1887.

Mellenthin/Peters 2017

Paul Mellenthin/Dorothea Peters, Das photographische Museum, in: Ulrich Pohlmann/Paul Mellenthin (Hg.), Adolphe Braun. Ein europäisches Photographie-Unternehmen und die Bildkünste im 19. Jahrhundert, München 2017, S. 296-310.

Peters 2002

Dorothea Peters, Fotografie als „technisches Hülfsmittel“ der Kunstwissenschaft. Wilhelm Bode und die Photographische Kunstanstalt Adolphe Braun, in: Jahrbuch der Berliner Museen, 44, 2002, S. 167-206.

Rosenauer 1969

Artur Rosenauer, Zu einer niederländischen Beweinungskomposition und ihren Reflexen in der österreichischen Malerei des 15. Jahrhunderts, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, XXII, 1969, S. 157-166.